Asylbewerbers trifft deutschen Klassiker

Erstkontakt eines Asylbewerbers mit dem deutschen Klassiker „Friedrich
Schiller“, hier aufgrund niedrigschwelligen Zugangs „Fritz Schill“ genannt.

nano-sonett® in leichter Sprache1

  1. nano-sonett ist – als einziges Gedichtformat der Welt – eingetragenes Warenzeichen des Autors. Im nano-sonett zeigt die deutsche Sprache ihre besondere Leistungsfähigkeit, wenn sie mit einem Minimum an Sprachzeichen (nur 18 Silben auf 14 Verse!) ein Maximum an Bedeutungsdichte erzeugt und hier einen fundamentalen Kulturclash auf den Punkt bringt. ↩︎

Nachtfahrt im LKW

Ein Road-Poem als Bewusstseinsreise

Als Ritter der Autobahn nimmt uns ein LKW-Fahrer mit auf seiner Tour durch die Nacht. Sehr schnell erweist sich das Road-Poem als eine Daseinsreise in die Abgründe unserer modernen Existenz. Außeneindrücke und Reflexionsschnipsel über Gott und Umwelt wechseln in schneller Folge einander ab. So wird der fahrende LKW zu einer Art Wahrnehmungskäfig, der zum Resonanzraum für die Grundbefindlichkeit unseres Daseins in all seiner unendlichen Leere und Verlassenheit wird. Ein exemplarisches Gedicht, das in der Brutalität und Gnadenlosigkeit technischer Abläufe den Fundus für eine eigenständige, gleichwohl immer wieder sperrige, Poesie findet.

nachtfahrt im lkw

als abgefallen war die hohle sprache
stand in den walzenlagern dünn das öl
im abendhelm der sonne blasse lache
zerrann im korn der nacht im schwarzen mehl
der lastkraftwagen lange reihen fuhren
aus toren in die vorstadtzonen hin
endlos die bahnen wechselnd reifenspuren
einhämmernd dem asphalt in grau und grün
flimmernd im kalk verdreckter ausfallstraßen
vertäut auf ladeflächen fässer: acetat
windlöcher sturmwehre dammwegtrassen
und drüber rieselnd trockner sterne granulat
tanklager altmetalle drahtverhaue
wo kinder mittags schauten nach dem vogelschwarm
schleimnass die müden wiesen nur das raue
gestrüpp bekotzt das auspuffrohr schon warm
gigantisch brückenschatten eisengräten
der kräne ölverschmierte haken straflegion
die trafos knisternd knisternd die magnete
die fieberflanken heißgewalkt vom reifenton
waschschleusen parkraumfelder vorwegweiser
die bahnen werfen blasen aus asphalt
im stauwind dröhnt der schwere diesel heiser
verschwitzt die hand die sich ums lenkrad krallt
auf traumplakaten grinsen werbemünder
die bunten t-shirts: pril: das lila rind
ein strom von creme auf schokoladenkinder
sternsaft der aus den hochzeitsnudeln rinnt
unmengen stoffe wandern durch die därme
gefeiert im gefühl gehasst im nervenstrang
ein rausch ein feuer einer wahrheit wärme
scheppernd im sound der discos nächtelang
der plattgewalzten igel kleine fladen
wie knollen roter beete weichgegart
unter beißender sonne strahlenkanonaden
sott gott sein opfer aber unsre nacht bleibt hart
durchs opfer pflegten wir einst andern reichen
uns einzutauschen zwerghaft klein und fest
gebete stammelnd durften wir hinüberschleichen
nun kaut ein jeder seinen unverdauten rest
o gletscherseen die das lied bewahrten
o hochwaldrücken talwärts hängend lang
gewölbe grotten kalk- tonmergelschwarten
und eines rinnsals feiner röhrenklang
nein keine quellen die sich frei verströmen
vor hitze platzend eiter schlick und schlamm
zerborstne rohre schweres wasser rieselfelder
und all der meere leid das lindern kann
der meere leid das löst die kühlen saaten
unter der wassertäler süßem friedensgrund
o dass wir hätten was noch die altvordern hatten
dunkel im stammhirn: das gefühl vom mythenschwund
iokaste ödipus im partnerschaftscomputer
selbst herakles ließ seine macht den chips
und mikrofilmgespeichert dreizehn bände luther
und seine büstenhohlform: bausatz bastlergips
rauch rauch jetzt! zigaretten! zeit zuweilen
wie der geschwollne bauch der berge so brutal
ein flatterband stets lockend will schon weitereilen
über den berg und liegt erschöpft im nächsten tal
der tod ist nicht das ende aller daseinsreise
kranführer jesus löscht der menschheit ladegut
und dann: die leeren güterwagenleiber auf die gleise
verschoben von des gottessohnes ungeheurer wut
vielleicht einst neu gefüllt zu endlos langen zügen
bereitgestellt in großen serien erzeugt
zu neuen zielen eitlen fortschrittssiegen
oder nur tier zu sein das blöd die stirne beugt
noch weniger vielleicht als stein in die atome
zermahlen granuliert geschmolzen um zu glas
als bunte fensterscheibensteinchen einst im dome
geschickt verbaut – oder als kugel für der kinder spaß
vorbei vorbei umsonst die kurzen träume
gott duldet alles aber unsre nacht bleibt hart
durch reine stille abgestorbner bäume
durch sinnverlassne räume geht die fahrt
das ist der gang der lange den wir brauchen
die ebne kommt und wirft sich unters rad
zum terminal zum friedhof o wir tauchen
in dieselwein noch jede abgetane tat
am rastplatz starb der amsel dürres liedchen
salz zuviel salz im braunen laub urin
die fahrerhauskabine kippt ganz lautlos
vornüber wo ganz dick die auspuffkrümmer glühn
die nockenwellen dampfen unter den erstarrten
gestirnen und die einspritzpumpen über die sich heiß
das gelbgesicht des fahrers beugt mit harten
augen vom druck des lichts im scheinwerferkreis
im nachtloch tief dann windet sich der fahrer
gepresst ein embryo kochend auf dem pritschenbett
und rollt sich aus dem schlaf: die augen klarer
phantastischer wurm zuckend in seinem blut und fett
wie sieht der mensch durch welch verbogne prismen
zu welchen müdigkeiten trinkt er seinen saft
zu welchen egotrips und fetischismen
zu welchen sühnewerken fühlt er lust und kraft?
wo in den motodromen die boliden
dreihundertvierzig stundenkilometer schnell
den spannungsnerv des schauvolks nicht ermüden
oh dessen lustgeschrei tönt doppelt grell
fühlt sich so fit die aufgeputschte seele
rasend im glück als ihrer wunderzeiten kind
bis wieder nacht und nichts und flügellose leere
über den atemraub ganz herr geworden sind
erscheinen felder wild von thymian und winden
duftend und springend übers mühlrad hin
die bäche eilen zu den schattenerlenergründen
und reiherschwärme über teiche ziehn
in weiten weidekoppeln sanfter tiere rücken
das runde ihrer leiber seelenzart und fest
die schmiegsam sich die dummen an die erde drücken
und auenlandschaft leicht zerfasert pittoresk
milchschwere wolken drüber wie vor zeiten
gleich wasserbergen unterm feuerschein
kanäle voller blüten kühle einsamkeiten
und liebespaare wandelnd durch den buchenhain
beeren- und frauenduft an gartenzäunen
wo pferde dampfen mutter stillt das kind
o wie die kolben heute müde scheinen
und immer singt der silo rau im wind
wie wunderzart sind manchmal die kristalle
wenn sie sich bilden winters an dem spiegelrand
die schürzenbleche wimmern und im knalle
zerspringt das eis schon in der hohlen hand
vorbei vorbei industriearealen notfallmeldern
den laderampen schlachthofmauern still –
zu tränenkais und gittermastenwäldern
und tausend fliegenkrusten in dem kühlergrill
o regen regen fall von perlenfluten
kühl dieser stirn verharschten alten schweiß
am gaumen kleben alte pfeffergluten
aus brotgeweben rinderschmalz und reis
doch da: der sonne frühgeburten irre scheiben
am horizont im blutorangentrauf
sternfeuer durch die ausstellfenster treiben
und plötzlich – gläsern – richtet sich ein wille auf
hinauf zu supernovas weltraummeeren
was hindert denn? geschichte? vogelschwarm?
durch bleiern-leere müdigkeiten die beschweren
zuckt auf! befreiung wenn da schrillt alarm!!! –
es gibt auf dieser erde doch kein wohnen
es gibt antennen menschen und das spiel der kraft
es gibt raketen lkws und halluzinationen
und brennend-leere und zerplatzte leidenschaft


© Dirk Schindelbeck, 26. Juni 2026
(Erstfassung Ende der 1980er Jahre)

mann-schaftsaufstellung

also die deutsche
sag dazu: die nationale
also die nationalen frauen
stärker betonen: die frauen
ja unsere frauen
unsere deutschen frauen
sag’s laut heraus: frauen frauen frauen frauen
also die frauen sind aufgestellt
deutsch
ja: und national
so steht unsere frauenschaft
deutlicher: die nationale deutsche frauenschaft
nun aber kommt
der ball ins spiel
präziser: der ball für den fuß
mann o mann
was nun mit dem ball
erklär’s mit dem mann:
dem mann der es schafft
der diese frauen schafft
zu unserer frauenschaft
jetzt noch mal: frauen frauen deutsche frauen
aufgestellt
wie ein mann
ein einziger deutscher mann
national
wie eine einzige
deutsche und nationale
frauenschaft
eine einzigartige
deutsche frauenfußballnationalmannschaft

(c) Dirk Schindelbeck

Dichterwahlkampf

Angenommen, Dichterworte mischten unsere Wahlkämpfe auf …

Ein Projekt von Dirk Schindelbeck (Idee) und Alexander Rosner (grafische Umsetzung)

In regelmäßigen Abständen verwandelt sich der öffentliche Raum unserer Städte und Gemeinden in eine Arena, in der sich Menschen für eine politisches Amt zur Wahl stellen und um Stimmen werben.
Seit Jahrzehnten ist das Strickmuster solcher Selbstdarstellungen dasselbe geblieben: Kopf plus Slogan plus Partei – hunderttausendfach plakatiert und in der Regel ohne jede Phantasie.

Nehmen wir einmal an, die Gilde unserer großen Sprachmeister strebte ebenfalls einen Sitz im Bundestag an. Für welche Partei stünden sie wohl, und mit welchem Wahlslogan versuchten sie uns zu überzeugen?

Die folgenden zwölf Plakate spielen das durch – wobei die Slogans der einzelnen Kandidaten /  Kandidatinnen ihren Werken entnommen, die ihnen zugeordneten Parteien dagegen reine Erfindung sind.

Unter dem Titel „Ausstellung EXpositioniert+AUSgestellt in der Galerie im Alten Rathaus“ anlässlich der Abschlussausstellung des Denzlinger Kulturkreises dk vom 14. 03 bis 13. 04. 2025 waren die zwölf Originalplakate in der Größe von DIN A2 ausgestellt. Legenden mit den vollständigen Lyrik-Texten und den daraus herausgefilterten Wahlslogans der „Kanditaten“ waren begleitend beigefügt.

Im hier gezeigten PDF-Dokument stehen diese Legenden zur Verfügung.

Szenen einer Ehe. Ingrid und Winfried

Was nano-sonette trotz oder gerade wegen ihres extrem niedrigen Wortverbrauchs leisten können, zeigt der Zyklus „Szenen einer Ehe. Ingrid und Winfried“, der mit gerade einmal 134 Silben (bei 9 vollständigen Sonetten!) das Drama einer Ehe erzählt. Sonderedition aus „nano-sonett. verrückt, gedrückt, knapp & keck“ (S. 33-43) anlässlich der Leipziger Buchmesse 2026.

Weniger Wortverbrauch, mehr Sinndichte

Zur Erfindung des Nano-Sonetts®

Endlich gibt es Nano-Technik auch in der deutschen Sprache. Das Nano- oder Zwerg-Sonett – abgeleitet aus der 800-jährigen Sonett-Tradition – ist ein zielführendes Reimfeuerwerk auf engstem Raum. Hochkomprimiert erzählt es komplette Geschichten in 14 Zeilen und braucht dazu oft nicht einmal 30 Silben (traditionelles Sonett 150). Nicht von ungefähr ist es das einzige Gedichtformat, das sogar als Marke geschützt ist.1 Wie sieht so etwas aus?

Nikolausfeier mit fatalen Folgen

Sankt

Klaus

tankt

(o Graus!)

schwankt

nach Haus

wankt –

aus.

Ruprecht

zerfetzt

die Rute:

Nicht schlecht –

bin jetzt

der Gute!“ (24 Silben)

Dirk Schindelbeck: nano-sonett. verrückt. gedrückt. knapp und keck. Mit Grafiken von Bernhold Baumgartner, S. 59. EDITION SIGNAThUR, ISBN 9 783906 273730, 18 Euro

1 nano-sonett (auch Nano-Sonett, Nanosonett) wurde unter der Nr. 30 2025 005 385 am 2. Juni 2025 beim Deutschen Patent- und Markenamt als Marke angemeldet und am 26. August 2025 eingetragen.

„Nano-Sonett“ – Jahreskalender 2024

Den Kalender als PDF-Datei herunterladen

Was ist ein Nano-Sonett?

Das Nano-Sonett ist ein neu entwickeltes Gedichtformat, das die 700-jährige Form-Tradition durch eine hochvirtuose Variante bereichert. Das klassische Sonett (Dante, Petrarka, Goethe usw.) ordnete 14 Zeilen in 2 mal vier und 2 mal drei Verse und 5-hebigen Jamben mit Endreimen nach vorgegebenen Schemen wie abba abba cde cde und ähnlichen.

Auf dem Gebiet der Sprachformate hat das Nano-Sonett (lat. Nano = Zwerg) keinerlei Vorbild, stellt insofern eine kleine Weltneuheit dar. Diese Miniaturversion des Normal-Sonetts kommt ganz ohne Verse aus, nutzt allein das Reimmaterial und sonst nichts, um daraus verdichtete Texte zu machen. Im Extrem-Fall ist es ein in sich gereimter Text aus vierzehn Silben. Man könnte es auch Schrumpf-, Minimal- oder Mikro-Sonett nennen.

Nano-Sonette reißen nur an, wo Normal-Sonette mit opulentem Wortschwall arbeiten. So entstehen Freiräume, in denen sich die Phantasie der Leser tummeln kann.

Anmerkung zu „Stasi-Akte Georg Christoph Lichtenberg“ (September-Motiv):
Der kleinwüchsige Göttinger Professor der Experimentalphysik (1742-1799) ist vor allem durch seine witzigen Aphorismen, niedergelegt in den sogenannten „Sudelbüchern“, bekannt geworden. Er führte den Blitzableiter in Göttingen ein.

„Zu Goethes Geburtstag…“

Weimar heute: was zu verwerten ist
(in memoriam 28. August 1749)

Der Markt
ist unerbittlich: Am Markt
stehen die Touristen-Droschken
gereiht,
komfortabel und sicher
(vier Scheibenbremsen!),
der Kutscher selbst
anekdotenprall
im historischen Outfit
mit sauberen Pferden, deren Äpfel
umweltfreundlich
in lederne Auffangbehälter
zwischen die Deichseln fallen.
Gingko-Grüße in alle Welt!
Man feiert Kultur,
Kultur macht feiern:
„Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein!“ (Slogan nach Goethe)
Gegenüber Schillers Wohnhaus
eine Gelateria (gerühmt), ein Türke (Pide und Sac nicht schlecht)
Filialen von Ketten wie überall
im wiedervereinigten Blühe-Deutschland:
vor Goethe am Frauenplan
mehr fast-food und Take-aways, aber auch
das Unverzichtbare: Rotkohl, Thüringer, Klöße.
Zwischen den Domizilen
der Dioskuren
Hypovereinsbank und Müller-Markt („Hier kauf ich ein…“: s.o.)
Doch überall, allüberall
Kultur, Kultur!
Man feiert Kultur!
Kultur macht feiern!
Die Sprüche von heute
auf den Gehwegen:
„List. Lust. Lost“;
„Mitunter ist ein Schnürsenkel länger als der Orgasmus beispielsweise!”
kontrastieren merkwürdig mit den Sprüchen von gestern:
„Gegen das Schweigen und
das Getöse
erfinde ich
das Wort.“ (Octavio Paz)
Der Kapitalismus
- der mit dem unerbittlichen Markt –
hat gesiegt,
vorläufig zumindest. Daran ändert auch
der Wahlkampf nichts,
wo unerbittlich
vom bald wieder wachsenden Markt
gesprochen wird
mit Getöse
(- Schweigen - ?)
Getöse, Getöse
und Ginkgo-Grüßen in alle Welt.