Seminar “Geschichte der Wirtschaftswerbung” WS 2012/13
Freitag, 26. Oktober 2012 7:15
Fr 10-12 Uhr
Seit der Aufstellung der ersten Litfaßsäule in Berlin 1855 ist die zunehmende Besetzung des öffentlichen Raums mit Werbebotschaften (damals noch „Reklame“) nicht auszublendendes Kennzeichen unserer industriell geprägten Lebenswelt. Gleichwohl scheint die Entwicklung noch längst nicht abgeschlossen, wie immer neue Vorstöße zeigen (Jüngstes Beispiel: durchgängige Umbenennung vieler Fußballstadien nach den Namen ihrer Sponsoren). Seriell hergestellte Produkte für ein Massenpublikum brauchten aber schon damals seriell produzierte Ankündigungen, Annoncen, Affichen, Emailschilder, Reklamemarken, Werbefiguren etc., um ihr Massenpublikum zu erreichen. Eine ganze Reklameindustrie entstand, die auch manchem Künstler oder Schriftsteller reiche Entfaltungsmöglichkeiten bot. (Das ist im Kern noch heute so, auch wenn sich die Spezialisten dafür heute eher Graphiker bzw. Texter nennen). Dennoch: in der „guten alten Zeit“ war Reklame tendenziell eine Abgelegenheit der Sender. Fabrikantenstolz, Ingenieur-Ideologie („Gute Ware verkauft sich von selbst!“) sowie zweimaliger Neubeginn nach verlorenen Kriegen taten ein Übriges, um sich anbieterseitig einreden zu können, die Kunden würden den entsprechenden Appelle schon Folge leisten.
Diese Haltung ist heute sicherlich nicht mehr handlungsleitend, wo sich Produkte nur noch minimal durch ihre technische Ausstattung unterscheiden, dafür aber umso größere Kommunikationsrivalen geworden sind. Die Geschichte von Produkterfolgen ist seit mindestens fünfzig Jahren fast ausschließlich die Geschichte ihrer erfolgreichen Kommunikation durch Wort und Bild. Wenn der „Walkman“ nicht so geheißen hätte, sondern als „Gerät zur kontinuierlichen Beschallung während des Gehens“ eingeführt worden wäre, wir würden ihn vermutlich gar nicht kennen.
Zwischen der Aufstellung der ersten Litfaßsäule 1855 und der Eröffnung eines modernen Produkt-Disneylands (Beispiel: Autostadt Dresden) liegt also eine ungeheure Entwicklung, die es zu analysieren gilt: wirtschaftlich, sozial, ästhetisch, kommunikationshistorisch, psychologisch, ideengeschichtlich, (werbe-)literarisch: Grund genug, an signifikanten Beispielen Phänomene und Tendenzen dieser Alltagskultur genauer unter die Lupe zu nehmen.
Materialien und Zugänge:
Einführung aus unserem Buch “Ins Gehirn der Masse kriechen.” Werbung und Mentalitätsgeschichte einleitung_werbung_mentalitaetsgeschichte
Thema: Buchladen, Dokumentationen, Genossenschaft, Keine, Lehre, Performance, Soziale Marktwirtschaft | Kommentare (0)
























