Die Beigen

Montag, 23. August 2010 11:54

(Hommage an Rilkes Blaue Hortensie)

© 2010 Dirk Schindelbeck

Als ob die grellen Töne jüngst verstarben,
verändert sich das Straßenbild zu Zeiten,
auf einmal dominieren bleiche Farben:
vor allem Beige beginnt sich auszubreiten.

Die Beige-gekleideten mit grauen Haaren.
sind sanfte, gute, angenehme Kunden.
Da sie den inneren Frieden längst gefunden,
wissen sie stets die Contenance zu wahren.

Sie sehnen immer Frühling her: gleich zieht
ein Pulk von beigen Mänteln, Jacken, Mützen,
in Parkanlagen, wo sie sich verstreuen:

Die beigen Mützen spiegeln sich in Pfützen.
Sie selbst sind stumm und lächeln, und man sieht
gerührte Beige sich im Grünen freuen.

Dieses Sonett ist mit über 7.000 Klicks das auf Sonnet-Archiv
mit Abstand am meisten abgerufene Gedicht!

Einen umfangreichen Essay zum Sonett gibts hier.

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Das Hexameter-Projekt

Montag, 26. Juli 2010 15:19

© 2010 Dirk Schindelbeck

Wer in einer der Suchmasken im Internet „Hexameter” eingibt, wird, zumindest was moderne Beispiele betrifft, ziemlich enttäuscht sein. Die Ergebnisse pflegen sich auf klassische Texte zu konzentrieren; breit vertreten ist selbstverständlich die Antike (Homer, Vergil, Ovid, Theokrit, Juvenal usw.), evtl. werden einige Treffer aus der Zeit des lateinischen Mittelalters (Waltharius, Mosella u.a.) zutage gefördert, sodann Klopstock, Goethe, evtl. Hölderlin oder Mörike. Das war’s.

Seit Jahrzehnten findet keine moderne Hexameter-Praxis mehr statt: Es mag sein, dass inzwischen der Mut dazu gänzlich verloren gegangen ist, nachdem selbst Autoren von Weltgeltung wie Thomas Mann (Gesang vom Kindchen, 1916[1]) oder Bert Brecht (Lehrgedicht über die Natur des Menschen, Fragment, 1946[2]) auf diesem Terrain erschreckend  schwache Stücke abgeliefert haben, sodass die Gattung selbst auch von der Forschung inzwischen als historisch überlebt abgehakt wird. Die herrschende Lehrmeinung innerhalb der Germanistik jedenfalls teilt diese Auffassung gern, dass mit der Wahrnehmung hexametrischer Texte, die ihren Qualitätsvorstellungen genügen, bei Mörike, im günstigsten Fall um 1900 Schlussbilanz zu ziehen sei.

Dennoch ist es nicht einzusehen, dass alle Epik, alles erzählende Dichten im 20./21. Jahrhundert nur auf die Form des Prosaromans beschränkt bleiben soll.

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Windelfaltung nach Hausmannsart

Mittwoch, 23. Juni 2010 12:17

schindelbeck_winderfaltung082

(Erfahrungen aus der Vor-Pampers-Zeit)

© 2009 Dirk Schindelbeck

Wenn ich die Leinenwindel mittig falte
und gleich noch einmal quer, sodass vier Lagen (Fig. 1)
entstehen, kann ich es im Zweitschritt wagen,
die obren Lagen rauszuziehn (Fig. 2), erhalte

ein Dreieck oben, drunter ein Quadrat (Fig. 3);
nun wird das Ganze sorgsam umgedreht,
dies Viereck dann zu einem Stoffpaket
dreilagig eingewickelt (Fig. 4). Somit hat

das Baby an der Stelle, wo die Nässe
sich gern und häufig zeigt, ein Maximum (Fig. 5)
an Saugkomfort. Zufrieden schläft’s schon ein:

„Ja, ja, mein Baby, gell, du bist nicht dumm!”
So lässt es mich den coolen Vater sein,
der ich jetzt ein Sonett schreib oder esse.

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Einen umfangreichen Essay zum Sonett gibts hier.

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Mein Gusszylinder, mein Über-Ich

Mittwoch, 19. August 2009 11:40

ein Sammlertrauma

© 1996 Dirk Schindelbeck

(aus: Volker Ilgen/Dirk Schindelbeck: Jagd auf den Sarotti-Mohr, Fischer TB, Frankfurt 1997; mehr zum Thema Sammeln finden Sie hier.)

Die wunderlichsten Leute sind nicht immer die,
die ihren Spleen vorführen wie ein Accessoire,
sich selbst zur Eitelkeit, zum Gaudi für die Welt.
Ein Exemplar solch stillerer Sorte ist mein Freund,
ein unauffällig-netter Mensch. Der Erich steht
als Angestellter seinen braven Mann und sucht
Am Sonntag mit den Jungs, der resoluten Frau
Nicht einmal ungern seine Schwiegermutter auf,
bewältigt den Parcours aus Kuchen und Kaffee
und selbst den Asbach hinterher noch mühelos.
Dies ist das Regelmaß, das Erich kennt und lebt.
Niemals auch führt sein Urlaub ihn nach Übersee:
Komfort und Qualität Europas sind ihm lieb
und eine absehbare Rückkehr ebenso.
Wenn er sich informiert, so zeigt sich Erich voll
als der er ist. Die Zeitung, ausgelesen, liegt
bei ihresgleichen in Paketen stramm verzurrt
des Morgens ausgerichtet auf dem Altpapier.
Nie dachte ich, dass diesen Mann ein Furor quält
aus einer andern Welt, ein horror vacui, wie ihn
kein Angestellter je durchlitten haben kann. [weiter...]

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Propaganda mit Gummiballons und Pappraketen

Montag, 14. Dezember 2009 16:53

Zum deutsch-deutschen Flugblattkrieg nach dem Bau der Mauer

© 1995 Dirk Schindelbeck

Im Sommer 1959 fuhr ich - sieben Jahre alt - mit meinen Eltern nach West Berlin, um einen Onkel zu besuchen. So gründlich meine Erinnerungen an den Aufenthalt auch verblasst sind, die obligatorische Stadtrundfahrt, die natürlich auch in den damals noch nicht abgetrennten Ostteil der Stadt führte, ist mir noch heute präsent. Als wir die Sektorengrenze passiert hatten und an den ersten grauen Häuserblocks vorbeifuhren, platzte ich ungeduldig heraus: „Und wo sind die Russen?“ Die Erwachsenen im Bus lachten. Ihre unvermutete Reaktion erweckte in mir die Lust, das Spielchen zu wiederholen, und bald hieß es an jeder dritten Straßenecke: „Wann kommen denn endlich die Russen?“

Bundeswehr-Propaganda-Ballon wird mit Gas befüllt (Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv)

Bundeswehr-Propaganda-Ballon wird mit Gas befüllt (Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv)

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Leben und Taten der Wikinger - Teil 1

Mittwoch, 9. September 2009 3:31

Vom Maßstab des deutschen Mannes

© 1997 Dirk Schindelbeck

Anmerkung 2009: auch wenn der folgende Artikel schon 13 Jahre alt ist, so hat sich im Kern am damaligen Befund, was die soziologischen, mentalen und historischen Implikationen des Sammelgebietes betrifft, bis heute wenig verändert. Es geht wie immer seinen Gang: Eine Unzahl neuer Modelle ist hinzugekommen, die “Fans” sind um einige Jahre gealtert, und nachwachsende Käuferschichten noch schwieriger zu erreichen. Vieles wird inzwischen in Osteuropa oder China produziert; deswegen sind die strukturellen Marktprobleme freilich nicht kleiner geworden.

Wer Interesse am entsprechenden Buch über Sammelphänomene generell hat (dem auch dieser Text  entstammt) - es gibt noch einige Exemplare.

»Ich möchte Plastik sein!« Ich erinnere mich noch gut, wie sehr Andy Warhols Ausspruch die Altvorderen damals, Ende der sechziger Jahre, sprachlos zurückließ. Provokant und ironisch beschrieb es das Lebensgefühl der »Kinder von Marx und Coca Cola« als satirische Utopie, als Blaue Blume der Romantiker in ihrer PVC-Version. Selbst Joseph Beuys, zur Unzeit ein Grüner, machte da noch nicht mit, hielt er doch eisern auf authentisches Material wie Kupfer und Filz, Honig und Fett. Doch der Mensch des Industriezeitalters, musste er nicht, als Produzent serieller Ästhetik, irgendwann selbst zu seinem letzten Kunstprodukt werden? Auch aus dem sozialistischen Lager kam, was die Hochschätzung der Polymerisation anging, kein Widerspruch. Chemie, die Beglückerin der Menschheit, die Garantin für Wohlstand, Schönheit und Glück! Entzückt starrte eine ganze Epoche auf die Zauberstoffe universeller Formbarkeit. »Nur ARWA«, so eine Anzeige aus den frühen Fünfzigern, »verleiht Ihnen die vollendete Beinplastik. « Plaste, die charakter und widerstandslose, die sollte erst später, deutsch deutsch gewendet, zum Schmähbegriff für allen defizitären Ersatzstoff aus einer dem Untergang geweihten Welt werden, nachdem sich im goldenen Westen die Umwertung alles verfügbaren Humus in Bio Wertmasse längst vollzogen hatte.

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Pater Leppich und die Nylon-Dirnen

Montag, 9. November 2009 16:58

oder: Das Lob des Damensitzes

(satirische Ekloge in Hexametern. Der Text verarbeitet auf seine Weise zwei große zeitgenössische Spiegel-Artikel sowie eine Werbeschallplatte der Firma NSU)

© 2009 Dirk Schindelbeck

Manchmal schenkt uns die Zeit an neuerfundenen Dingen
unerwartet und schnell, was sonst die Gedanken der Menschen
höchstens im Traum bewegt: auf einmal sind Luxus-Produkte
wie sie zuvor nur gekrönten Häuptern wie etwa Soraya
vorbehalten gewesen, normalen Verbrauchern erreichbar.
So kamen über das Land, als Boten des besseren Lebens,
auch jene Hüllen aus zauberleichtem Perlon-Gewebe,
die, fast unsichtbar, der Frauen Beine umschließen:
Ruhmreich ist dieses Kapitel der deutschen Wirtschaftsgeschichte,
rühmend sind auch die Taten der Unternehmer zu preisen,
die jeden Widerstand brachen, deutschen Frauen die zarten
Strumpfkunstwerke zu liefern. Nur wenige traten als Mahner
dieser Massenverführung durch schamloses Beinfleisch entgegen:
Einer von ihnen war Pater Leppich, in brennender Sorge
immer aktiv in der Stärkung der Abwehrkräfte des Volkes. [weiter...]

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Lob des Tropfenfängers (1953)

Mittwoch, 6. Januar 2010 15:25

© 2008 Dirk Schindelbeckschindelbeck_tropfenfaenger_1953

O stiller Helfer, konntest so verschwiegen
sanft saugend unter Kaffeekannentüllen,
den Wunsch nach Rundum-Sauberkeit erfüllen,
Millionen deutscher Hausfraun zum Vernügen.

Dank deiner rann kein Tropfen mehr wie früher
herab, das Spitzendeckchen braun berändernd.
Du, alle Anstandskurse tief verändernd,
warst unser segensreichster Volkserzieher.

Am Henkel war durch Gummizug das gute
praktische Saugeröllchen eingehakt,
der Tropfenwächter jeder Kannenschnute.

Mit Dir, du kleinem schnödem Alltagsding,
hat Poesie sich in den Bundes-Alltag vorgewagt
pastell, zartrosa als ein Plastik-Schmetterling.

Die Abbildung zeigt Tropfenfänger der Firma emsa von 1953

Variante: der Tropfenfänger als Prosa-Miniatur

Mehr Sonette auf Markenartikel finden Sie hier.

Eine Kulturgeschichte des Konsums in der Bundesrepublik finden Sie hier.

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Welttheater. Kommunikationstheorie und -geschichte der Weltausstellungen

Freitag, 30. April 2010 14:39

© 1999/2010 Dirk Schindelbeck

Der folgende Essay ist eine Aktualisierung und Weiterführung meines aus Anlass der bevorstehenden Expo 2000 in Hannover geschriebenen Textes. (abgedruckt seinerzeit in: Universitas. Zeitschrift für interdisziplinäre Wissenschaft, 54. Jg., Heft 11/1999, S. 1069-1082). Er rekapitulierte die damals 150-jährige Geschichte einer Institution, die vor allem der Selbstinszenierung der westlichen Industriegesellschaften diente. Es scheint, dass diese Institution, die vor allem in den 80er Jahren des 20. Jhts. als obsolet erschien, mit dem Erstarken des asiatischen Wirtschaftsraums wieder an Attraktivität gewinnt. Das soeben eröffnete gigantische Weltausstellungsspektakel in Shanghai ist dafür ein eindeutiger Beleg. Gleichwohl hat der Aufsatz von 1998/99 kaum etwas von seiner Aktualität verloren, weil er strukturelle Aspekte dieser Großereignisse im Sinne einer globalen Kommunikationstheorie herauszuarbeiten versucht, die sich aus ihrer Geschichte speist und gerade deshalb Einblicke hinter die Kulissen des nicht enden wollenden Welttheaters „Weltausstellung” zu geben vermag.

Erinnerungsheft an die EXPO 1958 in Brüssel mit (visionärem?) Asien-Motiv

Erinnerungsheft an die EXPO 1958 in Brüssel mit (visionärem?) Asien-Motiv

Die soeben eröffnete Weltausstellung in Schanghai führt die nunmehr 160-jährige Tradition der Weltausstellungen weiter. Stets waren diese Großveranstaltungen Ausdruck ihrer Epoche wie auch der jeweils vorherrschenden Version vom „Projekt Zukunft”. Verschiedenste Regimes haben mittels Weltausstellungen versucht, ihre nationale Idee zu präsentieren. Hier wurden technische wie soziale Entwicklungstendenzen sichtbar, begründeten sich wirtschaftliche Erfolge ganzer Industriebranchen und neuer Produkte, und nicht zuletzt prägte und prägt bis heute ihre spektakuläre Architektur das Gesicht vieler Metropolen.

Gänsespiel für Kinder zur Pariser Weltausstellung 1900

Gänsespiel für Kinder zur Pariser Weltausstellung 1900

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“Kein Vergnügen ohne Revolver”

Montag, 7. Dezember 2009 16:16

Aus der Frühzeit der Zeitungsannonce

© 2009 Dirk Schindelbeck

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1879 erscheint in der Tagespresse eine Handzeichnung mit einem balladenartig-versifizierten Text, einen dreisten „Raubüberfall im Thiergarten” darstellend. Solche Präsentationen außergewöhnlicher Ereignisse ist das Lesepublikum im späten 19. Jahrhunderts gewohnt. Sie finden sich vornehmlich in den Illustrierten Bilderbogen (Neuruppiner, Deutsche, Münchner Bilderbogen etc.) der Zeit, sind überaus beliebt für alle Arten erbaulicher und belustigender, skurriler und moralisierender Geschichten.

In Bildtextkompositionen nach Bilderbogenmanier haben Verse die Funktion, ein gewisses literarisches Qualitätsniveau anzuzeigen; ein Gegenstand, der so behandelt wird, hat Wertigkeit, ja Würde. Im vorliegenden Fall wird dadurch zudem lange verdeckt, dass es sich hier um eine Reklame handelt. Zu breit und gewichtig erscheint die Geschichte, aus der sich erst allmählich der werbende Charakter einer Annonce herausschält.

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Sommer-Semester 2010: Theorie und Geschichte des deutschen Dramas

Freitag, 6. Februar 2009 15:15

In diesem Seminar wollen wir uns mit dem Entwicklungsgang des Dramas im deutschen Sprachraum befassen. Es gilt, anhand ausgewählter Texte einerseits verschiedene theoretische Positionen, andererseits die Spannweite ihrer dramaturgischen und letztlich auch schauspielerischen Realisierung kennen zu lernen. Wenn möglich, soll dabei auch ein Zugang zur Praxis eröffnet werden - etwa durch einen Blick „hinter die Kulissen” z.B. des Freiburger Theaters, durch Besuch ausgewählter Stücke, Gespräche mit den für die Inszenierung Verantwortlichen (Regisseur, Dramaturg, Bühnenbildner, Schauspieler usw.).

Vor allem aber soll der Blick geweitet werden für die historisch gewachsenen Möglichkeiten, die im Drama als literarischer Gattung stecken und realisiert worden sind. Die Spanne reicht dabei von den Mysterien- und Fastnachtsspielen des Mittelalters und der frühen Neuzeit über das höfische, der Oper nahe (Barock-)Drama, das bürgerliche Lust- und Trauerspiel, das Historien- und Sozialdrama, das psychologische Drama (z.B. Ehekrieg) bis hin zu neuen, offen Formen, wie sie von Brecht, Piscator und anderen eingeführt worden sind. Schließlich wird ein Blick auf ausgewiesene Drama-Schreiber (im Gegensatz zu Lyrikern oder Epikern) und deren Weltsicht unerlässlich sein.

Natürlich impliziert die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Drama auch die intensive Beschäftigung mit seinen Bauelementen wie Szenenaufbau, Figurenwahl und -einsatz, Plot-Konzeption und -Lösung, Sprache (Prosa, Dialekt, Vers usw.), aber auch seinen historischen Hintergründen, pädagogischen Zielen sowie sein Verhältnis zum Publikum (z.B. Illusionstheater vs. Episches Theater, Theater des Absurden usw.). Unverzichtbar wird auch die Diskussion um die elementaren Möglichkeiten dramatischer Kunst (vgl. Thomas Bernhard: „Ist es eine Tragödie? Ist es eine Komödie?”) sein.

Parallel zur Sichtung eines „Bestands” an signifikanten Beispielen aus der Geschichte des Dramas - womöglich gelingt uns ja sogar die Erarbeitung einer Art Systematik - erfolgt die Auseinandersetzung mit theoretischen Texten und Positionen von Aristoteles, Gottsched, Lessing, Gustav Freytag bis hin zu Brecht und anderen.

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Doktor Unblutig empfiehlt…

Samstag, 10. April 2010 8:14

© Dirk Schindelbeck 2010

Werbeblatt für Kukirol (Januar 1924)

Werbeblatt für Kukirol (Januar 1924)

Gestatten, Doktor med. Unblutig. Ja, der Name
ist schon Programm. Da lass ich mich nicht lumpen.
Was sieht mein Auge da für Riesenklumpen
an Ihren Füßen? Hühneraugen, werte Dame,

entfernt kein kluger Arzt mehr mit dem Messer.
Dagegen hilft doch längst das wundersame
bewährte Kukirol - ganz schmerzlos und viel besser:
Das ist der wahre Fortschritt, nicht Reklame.

Die Kukirolfabrik Kurt Krisp in Magdeburg
erspart auch Ihnen jetzt den Haus-Chirurg:
Mit Hühneraugenqualen ist für immer Schluß:

Kein andres Mittel wird an Kukirol je reichen -
doch nur in Apotheken mit dem Zeichen
des Hahnenkopfs auf blutverschmierten Fuß.

kukirol_fuss

Detail der obigen Anzeige

Anmerkung

Wer mehr über die skurrile Kukirol-Reklame wissen möchte, sei auf meinen grundlegenden Artikel über die Werbung der zwanziger Jahre, Firma Kurt Krisp, die Werbefigur des Dr. Unblutig, die Hintergründe der Kukirol-Kampagne sowie den dafür zuständigen Werbefachmann Johannes Iversen etc. verwiesen. Für die Lektüre sollten Sie sich allerdings Zeit nehmen. Es lohnt sich.

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Und der Knabe fühlte sein Modellauto in der Tasche und träumte von einem Benz…

Freitag, 13. August 2010 15:36

© 2010 Dirk Schindelbeck

Wiking-H0-Modelle der 60er Jahre

Wiking-H0-Modelle der 60er Jahre

In der Hosentasche gut versteckt
hab ich die Modelle einst genossen,
ihre so zerbrechlichen Karossen
heimlich und für mich allein entdeckt:

Fenstersäulen, Scheiben, Hauben, Kühler,
Bodenplatten, filigran gepresst,
artig tastend wie ein Formenschüler
hielt ich jeden Typ mir blindlings fest.

Traumverloren in der Straßenbahn
sah dies Winkelglück mir keiner an:
Wo die Form war, war Idee nicht weit…

All mein Werkzeug? Fingerzärtlichkeit -
Stern der Sterne war ein Kunststoffknopf -
und der große Stern erstand im Kopf.

Hintergrundinfos (Sammeln, Soziologie, Geschichte der H0-Modelle etc.) dazu gibt’s hier.

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Sonette als Produkte

Mittwoch, 4. August 2010 12:37

oder: ”Made in Germany”. Der etwas andere Sonettzyklus

© Dirk Schindelbeck 2007-2010

Wer etwas darüber nachdenkt, wird mir recht geben: Das Sonett ist eigentlich ein Markenartikel. Es hat genormte Qualitätstandards (14 Zeilen, Volta nach dem 8. Vers, Pointe am Ende).  Es ist also stapelfähig. Was Logistik, Lagerung, Transport, Distribution sehr erleichtert.

Ro-80

Werbepostkarte für NSU Ro 80 (1970)

Zello 1905

Anzeige für Zello-Nasenformer (1905)

Spaßprodukt Goethe-Schnuller von 1999

Schnuller mit Goethes Kopf-Profil (1999)

Es hat wie alle Markenartikel eine erotische Oberfläche. Es möchte verführen. Wer einmal von ihm genascht hat, verfällt einer gewissen Sucht. Es ist ein Wiederholungszwang. Es will konsumiert werden, verbraucht, wird aber nie ganz befriedigen - um das Bedürfnis nach einem weiteren Sonett nicht absterben zu lassen. Alles Qualitäten, welche auch den Markenartikel auszeichnen. Grund genug für mein Projekt

„Sonette als Produkte. Made in Germany”

das erstmals gut 30 Sonette auf (historische) deutsche Markenartikel versammelt. So hat es bislang noch nie ein Sonett auf einen Panzertyp gegeben, ebenso wenig auf eine Badewanne, einen Perlonstrumpf oder den Wankel-Motor. Dass dieser Markenartikel-Lobpreis satirisch ausfällt und jeweils in einer entsprechenden Pointe endet, versteht sich von selbst.

Grundlage für dieses Projekt sind meine kulturhistorischen Arbeiten, die Sie unter verschiedenen Rubriken der docere-Abteilung finden, etwa unter Konsumgeschichte, Reklame & Werbung oder Theorie und Geschichte des Markenartikels. Zu Geschichte und Theorie - vor allem des kybernetischen Sonetts - empfehle ich den Text “Wir schreiben ein Sonett…”

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Thalysia-Edelformer (1954)

Montag, 2. August 2010 15:04

© 2010 Dirk Schindelbeckthalysia128

Der kluge Mensch verschafft sich Proportionen,
die auch das andere Geschlecht begeistern.
Geschickt die Körperformen zu bemeistern,
das von Natur aus Schöne zu betonen

wird sich besonders für die Damen lohnen
(wie sag ich’s nur charmant?..), die etwas feistern
die gern ihr Problematisches verkleistern
und etwas voller sind in manchen Zonen.

Jetzt hilft, was stärker ist als die Natur,
was sich stets ausdehnt, in der Form zu halten:
Thalysia-Mieder mit den Urgewalten

verleihn dem äußren Menschen die Figur
von früher und dem innren Menschen geben
sie frische Spannkraft und ein neues Leben.

Anmerkung:

Aus dem Original-Anzeigetext von 1954: „Kein Grund zur Aufregung, meine Da­men, auch wenn ihr Körper beginnt, sich selbständig zu machen! Sie können trotzdem begehrenswert und schön bleiben - allerdings muss das Formgebende stärker sein als der Ausdehnungsdrang von innen, sonst drückt sich alles durch. Tragen sie also einen Thalysia-Edelformer.” Er erst „verleiht dem äußeren Menschen eine makellose Silhouette und dem inneren Menschen neue Spannkraft und Frische.”

Mehr Hintergründe dazu gibt’s hier.

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Der kleine Trommler (1935)

Montag, 2. August 2010 13:15

© 2010 Dirk Schindelbeck

schindelbeck-trommler

Der kleine Trommler läuft im frischen Schritt,
ein stolzer Oskar, deutsch und kerngesund.
Wie strahlt der Pimpf dich an, wie lacht sein Mund!
Wann wanderst du in solchen Schuhen mit?

Dann könntet ihr zusammen wandern. Nein,
wenn ihr schon zwei seid, könnt ihr gleich marschieren!
Er schlägt den Takt vor, und das wird dich führen:
so kommt ihr von den Alpen bis zum Rhein.

Die Schuhe, euer deutsches Fabrikat,
sie passen gut, sie halten bis Paris,
da sind die Mädchen scharf, die Nächte süß…

Doch halt! Was führt der Trommler jetzt im Schild?
beschleunigt seinen Schritt, läuft aus dem Bild
in Gegenrichtung bis nach Stalingrad…

Mehr Hintergrundimformationen zum Thema in Ilgen/Schindelbeck: Am Anfang war die Litfasssäule. Illustrierte deutsche Konsumgeschichte, Darmstadt 2006

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Die Nusskanne (1979)

Freitag, 30. Juli 2010 12:45

ein Requiem

Abbildungen zur WMF-Nusskanne von 1979 finden Sie hier

© 2010 Dirk Schindelbeck

Sie galt als Priesterin gehobner Tischkultur,
die uns Hygienestandards definierte,
und jene, die in Erdnussschalen ihre Spur
von Fingern hinterließen, rasch kurierte!

Wenn sich aus ihrem Bauch den letzten Spießern
ein Schwall von Flips ergoss und Erdnusskernen,
war sie der Anfang vom sozialen Lernen,
verwandelte Genossen zu Genießern.

Du gabst uns, was uns fehlte: Stil, Geschmack.
Doch wir Banausen, ja wir dumpfes Pack
vergaßen dich, benutzten dich höchst selten.

Nusskanne! Herrliche! In unsere Party-Welten
drangst du nie ein und bliebst schon bald im Schrank:
So nimm nun dies Gedicht als letzten Dank.

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Elfchen zur WM-Elf

Montag, 14. Juni 2010 11:17

© 2010 Dirk Schindelbeck

Gnaden-
und schnörkellos,
Leute. Elf Freunde
spielen unsere Feinde nieder:
— los

Neuer-
dings ist
unser Torwart Jungspund,
das hält, sogar die
Elfer

Schweini-
sche Geschichte:
hängender Sechser, räumt
ab, verteilt nur Zucker-
Bälle

Klose
klar wie
Kloßbrühe, abgebrüht wie
immer, aber immer öfter
wichtig

Lukas
Evangelium nach
einer göttlichen Schusstechnik
aus allen Lagen ballernd
ansatzlos

Lahm,
quirlig, nie
lahm, ganz ohne
Allüren, einfach der bessere
Berti

Ballack,
unsere blutende
Wunde. “Die Deutschen
haben nichts außer Ballack..”
Schaumermal!

Cacao:
fair trade
(ganzer Name unaussprechlich)
endlich tanzt unsere Mannschaft
Samba

Mertesacker
Lufthoheit garantiert
unten redlich ackernd
wie eben ein Mertesacker
kann

Trainerfrage
aufgeschoben, vorerst
Werbespots für Joghurt
wie früher Uns-Uwe: Milch
machts.

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Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Donnerstag, 10. Juni 2010 13:14

Das "ballrunde" Fußballgedicht in der einzig ihm angemessenen Optik

Das "ballrunde" Fußballgedicht in der einzig ihm angemessenen Optik

© 1995 Dirk Schindelbeck

Dieses Gedicht - die geniale Strophe verdanke ich Johann Christian Günther (1695-1723; “An Leonore beim anderen Abschiede”) - arbeitet nach dem Prinzip der kalkulierten Redundanz. Es ist sowohl ein barockes

Gedichtmarke "barock"

Schindelbecks Gedichtmarke "barock"

als auch ein konkretes

Gedichtmarke konkret

Schindelbecks Gedichtmarke "konkret"

Gedicht, was das beigefügte Bild verdeutlichen möge, wo jede Strophe gleichsam zu einem Spieler auf dem Rasen wird, der den Ball aufnimmt und weitergibt. Ausgestellt wurde es im Jahr 2001 innerhalb der Performance “Poetische Installationen”. Die Besucher konnten raten, wo es anfängt und ob es überhaupt anfängt (oder aufhört)… Es findet sich auch in der von Günter Guben und Astrid Braun herausgegebenen Anthologie “Zur Zeit” (edition kanalstr. 4, S. 158ff., Stuttgart 2008), wo es leider nicht im Kreis gedruckt werden konnte. Aber dafür hier - gepriesen sei das Internet…

„Ein Null zu Null steht gar nicht zur Debatte,
schon immer lag im Angriff unser Heil,
denn den Erfolg, den meine Mannschaft hatte,
errang sie im Direktspiel, schnell und steil:
Der Offensivgeist hat sie meist zum Sieg geführt,
doch kontrolliert.”

Noch kontrolliert der Mann in schwarz die Spieler,
die Stollen, Schoner mit geübtem Blick.
Das Stadion brodelt. Plötzlich wird es stiller:
Soeben aus dem Presseraum zurück
Tritt auf der Admiral und wird bestaunt,
und alles raunt.

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